work in progress  gibt einen Einblick in meinen Arbeitsprozeß - festgehalten in Fotografien, Skizzen, Entwürfen von der ersten (vagen) Idee bis zur Fertigstellung.

"Lyrikwald" - Spätherbst 2016, an der Autobahnausfahrt ein abgeerntetes Feld mit aufgetürmten Strohballen. Ich halte an, laufe zum Feld zurück, fotografiere die Strohballen. Abgeerntete Stengel erinnern an einen Wald - ein Rapsfeld. Unwiderstehlich. Ich pflücke einen armvoll der ausgebleichten Pflanzenstengel. Monate vergehen.

 

Die Stengel sehen aus wie abgestorbene Bäume, fragil, zerbrechlich  (sie brechen wirklich leicht). Auch Gedichte können leicht und fragil sein.  Da ist sie - die Idee zum Lyrikwald.

 

Die Stengel an der Unterseite mit Buntmetall umgeben, glänzender Grund für die Worte, die auf den hellen Pflanzenteilen gut sichtbar sein werden. Gedichte meiner Lieblingslyrikerinnen sichten, eigene Texte dazugeben, lesbar auf die Pflanzenstengel schreiben (eine Herausforderung ...). Ein geeignetes Holzstück aus dem Vorrat an Feuerholz suchen, darauf kann der Wald wachsen.

 

April 2017 - endlich steht das erste dünne Gedichtbäumchen. Bis es ein Wald ist, wird es noch eine Weile dauern. Bäume wachsen langsam.

 

Juni 2017 -  Inzwischen gibt es Gedichte/Auszüge aus Gedichten von

Rose Ausländer - Anders II

Hilde Domin - Das Gefieder der Sprache

Forugh Farrochsad - Leben

Marina Zwetajewa -  Das Gold ...

Anna Achmatowa - Vieles wartet ...

(Texte weiter unten)

 


Rose Ausländer - Anders II

Es ist alles

anders geworden

 

oder sind wir es

die anders wurden

 

oder ist alles Andere

anders

als wir es sehen

("Mutterland", Braun Lyrikspectrum 10, 1978)

 

Hilde Domin - Das Gefieder der Sprache

Das Gefieder der Sprache streicheln

Worte sind Vögel

mit ihnen davonfliegen

("Hier", Fischer TB 680, 1990)

 

Forugh Farrochsad - Leben

Du pralles Leben, noch bin ich erfüllt
Noch sprudeln meine Lippen von dir über
Ich denke weder dran, das Tau zu kappen
Noch wünsche ich, du wärest schon vorüber ...
(Auszug,  "Jene Tage", 1993, Bibliothek Suhrkamp)

 

Marina Zwetajewa

Das Gold meines Haars - ganz still

wird´s grau - Das ist nicht schade:

Alles hat sich erfüllt,

denn ich sing ja gerade. ...

(Auszug, "Und nun ist das Wort aus Stein gefallen", 1993, Fischer TB 1990)

 

Anna Achmatowa

Vieles wartet noch darauf, so fühl ich

daß meine Stimme es einmal besingt:

Das, was wortlos ist, das Dröhnen, Krachen,

Kräfte, die im Erdreich drängen, schaffen,

oder was durch Rauch und Nebel  dringt.

Ja, ich hab noch einiges zu klären

mit Wasser und  mit Feuer und mit Wind ...

Deshalb kann´s im Halbsschlaf mir geschehen,

daß ganz plötzlich Tore offenstehen

und ich mich beim Morgenstern befind.

("Und nun ist das Wort aus Stein gefallen", 1993, Fischer TB 1990)